WolfsBlog

Wolfsberg Hoher Platz

Im Jahr 2011 war ich mit Freunden in Bassano Del Grappa in Italien unterwegs, und ich war erstaunt wie viele Menschen dort zu Fuß auf der Piazza unterwegs waren. Ältere Menschen, junge Familien, Jugendliche, Paare und Freunde beim Bummeln und weit und breit keine Autos – denn am Donnerstag und Samstag wird der Platz für den Markt zu einer Fußgängerzone. Ich fragte mich, warum es in unserer Bezirkshauptstadt Wolfsberg so einen Platz, so eine Begegnungsmöglichkeit nicht gibt. In mehreren Gesprächen mit anderen LavantalerInnen hörte ich heraus, dass auch andere sich nach so einem Platz sehnen. Wenn wir in andere Länder und andere Städte auf Urlaub fahren, scheint das eines der ersten Dinge zu sein wonach wir suchen – der Hauptplatz, die Piazza oder Fußgängerzone. Ein Ort wo sich Leute aufhalten, wo Geschäfte, Cafés und Sehenswürdigkeiten zu finden sind und man die Stadt und ihre Menschen erleben kann. Auch in den Jahren danach ist mir immer wieder aufgefallen wie sehr so ein Platz eine Stadt bereichern kann, besonders wenn er sich in der Altstadt befindet. Wir haben in Wolfsberg eine gut erhaltene Altstadt und bei meiner Tätigkeit als lokale Stadtführerin fiel mir schon öfters auf, dass Besucher diese viel mehr schätzen als die Einheimischen, die vielfach nur hindurch fahren.

In 2014 war eine Erneuerung der oberen Stadt fällig – Straßenbelage und alles darunter, sowie Stromleitungen, Internetverbindungen, Wasserohre usw. Das Projekt `Zukunft Obere Stadt` wurde ins Leben gerufen, was hieß die obere Stadt nicht nur zu erneuern, sondern komplett umzugestalten – um die Lebensqualität zu erhöhen, Leerstände wieder attraktiver zu machen und die Altstadt wieder zu beleben. Dafür wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den im Frühjahr 2015 das Architekturbüro Balloon aus Graz (Johannes Wohofsky, Benjamin Melcher, Michael Leiss) gewann. Die Architekten bezeichneten ihr Konzept als „Wolfsberg´s Wohnzimmer“ eine barrierefreie Begegnungszone, wie es sie zum Beispiel in Bruck an der Muhr, Bad Radkersburg und Hartberg gibt.

Eine Begegnungszone ist nicht nur ein Designkonzept, sondern auch eine Herangehensweise. Eine Straße ohne Ampeln, Verkehrsschilder und Markierungen wie Zebrastreifen, wo keine Randsteine Gehwege, Radwege und Spuren kennzeichen. Die Philosophie dahinter ist, dass die Abwesenheit dieser Wegweiser dazu zwingt, sich anhand von Aufmerksamkeit und Augenkontakt zu orientieren, was den Verkehr entschleunigen und den zwischenmenschlichen Kontakt fördern soll. Auf traditionellen Straßen wo diese Einteilungen vorhanden sind werden VerkehrsteilnehmerInnen in eine falsche Sicherheit gewogen, besonders jene, die geschützt in ihren Autos sitzen und oft zu glauben scheinen die Straße gehöre ihnen. Die Idee der Begegnungszone stammt ursprünglich aus Holland, wo der Erfinder Hans Monderman seine Karriere als traditioneller Verkehrsingenieur begann.

Im Herbst 2015 wurde das Konzept veröffentlicht und Bürger dazu eingeladen, sich mit Ideen und Anregungen zum Projekt `Zukunft Obere Stadt` einzubringen. Dieser Bürgerbeteiligungsprozess wurde von Elisa Rosegger Purkrapek und Rainer Rosegger von der Agentur Scan (Markt- und Gesellschaftsanalytik) präsentiert, die als Projektmoderatoren vorgestellt wurden. Im folgenden Jahr gab es Gesprächsrunden, Präsentationen, Sitzungen und Veranstaltungen zu den Themen Verkehr, Leerstände, Funktion und Gestaltung, Kultur und Jugend. Zur gleichen Zeit wurde die Stadtwerkstatt eingerichtet, eine der besagten Leerstände, der von der Stadtgemeinde angemietet und von Benjamin Melcher zu einem Treffpunkt für solche Besprechungen umgestaltet wurde. Auffällig war, dass bei der Besprechung fast aller Themen sich der Verkehr als Streitpunkt herausstellte. Einerseits wollten Bürger weiterhin direkt in der Altstadt parken und uneingeschränkt hindurch fahren. Dazu waren manche Geschäftsleute überzeugt, dass die Geschäfte der Altstadt ohne genügend Parkplätze nicht überlebensfähig wären. Andere sehnten sich aber nach einer weniger befahrenen Fläche – ein Platz zum Verweilen, mit mehr Menschen und Ruhe statt Autos und Lärm, ein sogenanntes „Wohnzimmer“ in der Stadt. Trotzdem blieb der Diskurs stets offen und produktiv, besonders durch die neutrale Projektbegleitung der Agentur Scan.

Aus diesem Bürgerbeteiligungsprozess gingen Projekte wie „Metamorphose“, „Bunte Küche“ und die „StadtmacherInnen“ hervor. „Metamorphose“, geplant als ein jährlich stattfindendes Festival mit Musik und Beleuchtung in der Altstadt nach der Idee von Bernhard Teferle, kam wegen mangelnder Finanzierung leider in dieser Form nie zustande. Trotzdem war es die Inspiration für die einzigartige und sehr gelungene Beleuchtung der Gebäude am Hohen Platz bei der Eröffnungsfeier in September 2019 und für die Open Air Tage der StadtmacherInnen, welche im Mai 2018 und 2019 stattfanden. Die „Bunte Küche“ organisierte im Sommer 2016, 17 und 18 einige Benefizveranstaltungen unter dem Motto „Beim Essen kommen die Leute zusammen“. Gerichte aus aller Welt wurden von Einheimischen und „Zurgrasten“ zubereitet und danach wurde gemeinsam auf einer langen Tafel gegessen, die ersten zwei Jahre am Hohen Platz und im dritten Jahr – wegen der Baustelle – in der Bambergerstraße. Heute ist die „Bunte Küche“ ein fixer Bestandteil der „StadtmacherInnen“.

Nach zwei intensiven Bauphasen in Sommer 2018 und 2019 ist der Umbau des Hohen Platzes großteils fertig, es fehlen noch mobile Pflanzentröge und andere Schattenspender wie Sonnensegel. Auf einer Skala von „gefällt mir gar nicht“ bis „es ist wunderbar“ sind alle Meinungen vertreten, aber bei der Eröffnungsfeier in September 2019 schien Freude und eine ausgelassene Stimmung zu herrschen. Ein von Licht, Menschen und Musik belebter Hoher Platz war ein seltener und schwer zu vergessener Anblick. Eine Woche später wurde der „Ku-Ku-Ma“ (Kulinarik-Kultur-Markt) als Zeichen der Neubelebung des Hohen Platzes offiziel eröffnet – ein lang ersehnter Samstagsmarkt, der kürzlich seinen einjährigen Geburtstag mit zufrieden wirkenden Produzenten, Verkäufern und Konsumenten feierte. Für den Markt wird Samstags die Straße von 8:00 bis 14:00 Uhr gesperrt und der Hohe Platz wird vom Bardel Eck bis zum Rathaus zu einer Fußgängerzone.

Am Altstadtbetrieb unter der Woche hat sich nach der Neugestaltung allerdings noch nicht viel geändert. Die Mehrheit der Geschäftsbetreiber freuen sich über den neuen Platz, manche sahen es sogar als Anlass für eine Renovierung, doch andere beklagen sich nach wie vor über zu wenig Geschäft und meinen, dass weniger Parkplätze die Situation verschlimmert haben. Beobachtet man aber die vielen Autofahrer, die über den Hohen Platz und auch an den leeren Parkplätzen vorbei fahren, kann man sich das schwer vorstellen. Dieses Hindurchfahren – meist schneller als 20km/h – im Gegensatz zum Verweilen oder wenigstens genügend Rücksicht auf Fußgänger zu nehmen ist meiner Meinung nach das größte Hindernis für den Erfolg der Begegnungszone. Es gibt alternativ zu den 30-minütigen Kurzparkzonen direkt am Hohen Platz genug Parkmöglichkeiten in der Nähe: den Bleiweißparkplatz (4-5 Gehminuten, teilweise gebührenfrei), den Minoritenplatz (2-3 Gehminuten), die Johann-Offner-Straße (2-3 Gehminuten), Getreidemarkt (1 Gehminute) und der Rathausparkplatz (4-5 Gehminuten, teilweise gebührenfrei).

Als ich bei der ersten Jahresfeier von „Ku-Ku-Ma“ am Samstag den 12. September 2020 über den Hohen Platz ging und die vielen glücklichen Gesichter sah wurde mir bewusst, dass wir in Wolfsberg jetzt genau das haben was ich damals in Basano Del Grappa bewundert und bei uns vermisst habe – einen Platz zum Leute treffen und bummeln, für Touristen und Einheimische. Eine Fußgängerzone mit einem Markt, Geschäften, Cafés und Sehenswürdigkeiten, wo man unsere Stadt und ihre Einwohner erleben kann, jeden Samstag.

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